Gastbeiträge von liebgewonnenen Menschen | Gedanken

Gastbeitrag von der ganz lieben Azra :-)

21. April 2017

Meine lieben Zuckermäuse,

ich möchte gerne mit euch die Gedanken der lieben Azra (ihr findet bei Instagram unter @anneliese.und.ich), teilen. Ein wunderschöner Text, voller Gefühl und ganz viel Herzenswärme. Liebe Azra, vielen vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen mit uns deine Gedanken und Emotionen zu teilen, du bist wundervoll und ich freue mich sehr dich kennen zu dürfen…

Alles oder nichts!

Wenn ich gegenüber anderen geäußert habe, dass ich mich irgendwie verloren fühle, dass ich denke, etwas würde nicht mit mir stimmen, aber ich nicht wisse, was es denn nun sei, haben sie es auf so einfache Sachen wie „Pubertät“, „Stress“, „Unausgeschlafen“ oder „will nur Aufmerksamkeit“ geschoben. Irgendwie habe ich daher auch immer an mir selbst gezweifelt: vielleicht ist es echt nur die Pubertät oder vielleicht heische ich nach Aufmerksamkeit ohne es zu bemerken?

Ständig fühlte ich mich krank, müde und unausgeglichen zugleich und habe mich dabei gefragt, ob sich andere auch so fühlen und wie zum Teufel sie es hinbekommen morgens aufzustehen! Ich dachte lange, ich sei psychisch krank, weil ich keine intakte Familie hatte, welche irgendeine Art von Verständnis für mein eigenartiges Verhalten zeigte. Im Nachhinein würde ich sagen, dass sie mich in diese „Psycho“-Ecke drängten. Sie machten mich zu dem, was sie über mich dachten zu wissen.

Also hielt ich mich fern. Von meiner Familie, von großen gesellschaftlichen Gruppen, Verpflichtungen, Veranstaltungen – nur, wenn ich absolut sicher war, dass ich die Menschen nicht verjagen konnte mit meinem „Getue“ und der Ort mir Sicherheit bot, kam ich aus mir raus.

Und so kam es auch, dass ich eines Tages alleine vor dieser Neurologin im RKU Ulm saß, nachdem ich dort vor zwei Wochen einige Tage am Kortison-Tropf verbringen durfte. Eine Sehnerventzündung hätte ich, sagten sie mir damals bei der Einlieferung. Sie hätten keine genaue Ahnung, woher sie käme, aber sie machen mal ein paar Tests, behalten mich da und pumpen mich mit Zeug voll, das ich nicht mal kannte bis dahin. Meine Mutter meinte, das sei nur die Klimaumstellung, weil wir kurz zuvor am Meer waren. Meine Tante war wütend auf alle, mich eingeschlossen, weil ihr keiner sagen konnte, was los war und sie es hasste die Kontrolle über eine Situation zu verlieren. Mein kleiner Bruder sah das alles nicht so eng und war genervt mich jeden Tag im Krankenhaus besuchen zu müssen. So sitze ich also vor der besagten Neurologin ganz allein, wie so oft, die mich auf einmal fragte: „Wissen sie was Multiple Sklerose ist?“ Ich sagte, ja, der Drummer meiner Lieblingsband habe diese Krankheit. Und sie sagte: „Sie jetzt auch.“

Siebzehn Jahre alt war ich damals, als ich alleine mit einer Diagnose in der Hand, die mein schweres Päckchen noch schwerer machte, aus dem Krankenhaus ging. Erstmal sagte ich es keinem, weil ich nicht wusste, was ich überhaupt sagen sollte. Dann meinem damaligen Freund. Aber mit dem machte ich Schluss, weil er nicht reif genug war zu verstehen. Dass ich tatsächlich Freunde hatte, fand ich auch heraus, denn manche traf meine Diagnose sehr schwer, manche weinten. Andere gingen einfach und kamen nicht wieder.

Nachdem ich meinen ersten Schock überwunden hatte, packte ich mein Abitur auch irgendwie. Immer dieses Irgendwie. Wie machen das nur andere Menschen? Dümpeln sie auch so in der Gegend rum mit ihren Gedanken wie ich? Wie können sie nur alle wissen, was sie nach der Schule aus sich machen wollen? „Studieren sie doch Englisch, das können sie so gut“ Mhm, ja, ist klar. Hat natürlich nicht geklappt. „Kunstgeschichte, das wär’s doch für sie!“ Mhm, ja, ist klar. Hat natürlich auch nicht geklappt. Meine eigene Entscheidung war dann doch die Beste: Theater, da will ich hin.

Aber wie es so kommen musste, schlug mich die MS auf meinem Weg wieder nieder. Wie ein Hooligan. Da lag ich also nun, wieder allein, wieder im Krankenhaus, wieder Kortison, wieder jeden Tag ein neuer Neurologe.

Wann hört das auf? Nie, denn man ist chronisch erkrankt.
Wann wird man sich wieder besser fühlen? Nie, denn man ist chronisch erkrankt.

Wann wird der Tag kommen, an dem ich einfach mal weiß, was aus mir werden soll? Nie, denn man ist chronisch erkrankt.

Wann werde ich endlich wissen, wer ich wirklich bin und was nur von der Krankheit kommt? Nie.

Ist die MS ein Teil von mir oder bin ich nur ein Teil von der MS? Nie.

Gibt es jemanden da draußen, der sich so fühlt wie ich mich fühle? Nie.

Fühle ich überhaupt? Nie.

Fühlt die MS? Nie.

Mein Rettungsring bei meinem Dümpeln im Ozean dessen, was alle anderen „so ist das Leben“ nennen, war mein Anfang. Am Anfang war der Wunsch geliebt und verstanden zu werden. Meine Mutter gab mir das nicht. Keiner konnte es solange mit mir aushalten, um mich lieben zu lernen. Meine Liebe verpuffte wie Wasser auf heißem Stein, bei den Menschen, denen ich sie geben wollte, weil sie einfach zu schwach war. Sie war zu schwach, weil ich einfach nicht wusste, was sie eigentlich ist, diese Liebe. Aber dann traf ich sie. Da war er. Rein. Ein unsinkbares Schiff. Mein Rettungsring. Alles kein Problem ist seine Devise. Seine Familie auch komisch wie meine. Und er liebte mich. Mich mit MS. Mich und MS. Und er blieb. Und ich war nicht mehr nur allein mit MS.

Eure,

Azra (ihr findet mich unter @anneliese.und.ich bei Instagram)

Vielen Dank dir nochmal liebe Azra für deinen tollen Beitrag. Ich schenke dir dieses Beitragsbild, als Symbol für Hoffnung. Denn Grün steht für Hoffnung. Und dieses Grün passt sehr zu dir, Zart, rein, ohne Filter und ohne Retusche :-). Hör nie auf zu lächeln und verliere nie die Hoffnung.

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