Gastbeiträge von liebgewonnenen Menschen | Gedanken | Multiple Sklerose

Ein Gastbeitrag von meinem Namenszwilling, der wundervollen Claudia :-)

24. Mai 2017

Heute möchte ich euch ein toller Gastbeitrag von der lieben Claudia vorstellen. Sie ist nicht nur mein Namenszwilling, sondern auch eine wunderbare Person, die ich mit der Zeit sehr lieb gewonnen habe 😊, ihr findet sie auch auf Instagram unter @lerchi30 😉.

 

Meine persönliche MS-Geschichte

Schon seit vielen Jahren hat das Abhaken von To-Do-Listen eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Durch sie habe ich alles im Auge, vergesse nichts mehr und erledige banale Dinge oder auch wichtige Meilensteine meines Lebens. Die Fortschritte dabei immer im Blick, wie es sich für einen Control-Freak eben gehört.

Auch letzten Sommer standen einige ganz besondere Punkte auf meiner Liste und es war wie immer alles gut durchdacht und geplant. Doch dann kam da so ein neuer Punkt dazu, der so gar nicht eingeplant war: Meine Diagnose Multiple Sklerose. Und sie hatte alles andere geplante plötzlich für den Moment unmöglich gemacht.

Die ersten Anzeichen kündigten sich schon im Frühjahr an. Ich schrieb neben meinem Vollzeitjob an meiner Bachelorarbeit und die MS – damals noch unerkannt – stellte sich mit einer Sehnerventzündung und Doppelbildern in den Weg. Natürlich löste das Panik in mir aus und ich suchte Ärzte auf. Doch noch mehr sorgte ich mich um das Abhaken meiner To-Do-Liste – wie sollte ich das so bitte schaffen?

Der Augenarzt erkannte die Anzeichen nicht und verordnete mir Ruhe. Ich schrieb natürlich nach ein paar Tagen trotzdem weiter und reizte durch die vielen Stunden am Laptop meine Augen. Mit der Zeit vergingen die Doppelbilder und mit ihnen auch die Gedanken an die Warnzeichen, die mein Körper mir gab. Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Alltag und die heiß geliebten Listen.

Im Sommer sollte mit der Verteidigung meiner Bachelorarbeit das Studium perfekt gemacht werden und zur Belohnung war ein sehnlichst erwarteter Urlaub geplant. Dann wieder nicht einordenbare Symptome, die ich anfangs einfach ignorierte. Es fing an mit Schwierigkeiten beim Schreiben, dann kamen Gangstörungen dazu. Als ich auch noch Probleme beim Sprechen bekam, wurde ich endlich vernünftig und verließ das Büro, um zum Arzt zu gehen. Mitten im Sommer musste ich leider einen Vertretungsarzt aufsuchen. Ich schilderte ihm meine Beschwerden, er schaute mich betroffen an und sagte mir: “Für mich sieht es aus als haben sie Multiple Sklerose.” Zack. Das hatte gesessen. Völlig betäubt und mit einem vermittelten Termin beim Neurologen am nächsten Tag verließ ich die Praxis. Noch im Auto rief ich meine Mutter an und im Moment als ich ihre Stimme hörte, brach ich in Tränen aus und konnte nicht mehr aufhören. Ab dann überschlugen sich die Ereignisse: viele Untersuchungen beim Neurologen, MRT, Lumbalpunktion und zur Krönung ging es zum Kortisonstoß ins Klinikum. Immerhin alles Dinge, die ich auf einer Liste abhaken konnte… Wenn ich denn schon den ursprünglichen Plan nicht umsetzen konnte. Prüfung abgesagt. Urlaub abgesagt. Und es kam ein tiefes Loch, in das ich fiel, denn die toll ausgemalte Zukunft war plötzlich ungewiss.

Einige Wochen ließ ich es einfach geschehen und meine Familie und Freunde waren das einzige, was mir noch ansatzweise Halt gab. Ich war völlig aus dem Leben gerissen. Die nicht erledigten Punkte auf meiner Liste haben viel Frust hinterlassen.

Um es vorwegzunehmen: Die ausstehenden Punkte konnte mit Verspätung noch abhaken und letzten Monat habe ich endlich meinen Studienabschluss gefeiert. Den Urlaub habe ich auch schon im Dezember nachgeholt. Und ich habe eine neue Stelle in meinem Betrieb, mit der ich sehr zufrieden bin. Das alles abzuhaken hat mich natürlich sehr glücklich gemacht.

Doch noch viel glücklicher macht es mich, dass ich durch die MS das Leben viel mehr zu schätzen weiß. Es hat einige Zeit gedauert, dieser Diagnose überhaupt etwas positives abzugewinnen… Meine To-Do-Listen gibt es natürlich immer noch, denn ohne sie würde ich einfach viel zu viel vergessen. Aber ich habe gelernt, dass es nicht um das bloße Abhaken im Leben geht. Und dass es auch gar nicht schlimm ist, wenn man mal etwas nicht (sofort) abhaken kann.

Es geht um die vielen Momente drumherum. Und dazu gehören auch mal Umwege, auf denen manchmal die allerbesten Dinge passieren, ohne dass man sie dort je erwartet hätte. Wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke gab es so viele tolle Momente, an denen mein “altes Ich” einfach vorbei gelebt hätte, ohne auch mal nach rechts und links zu schauen. Inzwischen achte ich mehr auf die kleinen Dinge und genieße auch gewisse Details im Leben. Mache aus vermeintlichen Pannen das beste und nehme das Hier und Jetzt bewusst wahr.

Das ist die größte Erkenntnis, die ich nur dank meiner MS machen durfte.

Liebe Claudia, vielen vielen Dank für deinen tollen Beitrag und dass du dir die Zeit genommen hast, deine persönliche MS-Geschichte mit uns zu teilen 😄.

Fühl dich doll gedrückt 😘

Deine Claudia

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